Sagen
Die Entstehung der alten Geschichten erklärt sich wohl aus der Ehrfurcht der Bergbewohner vor den allgegenwärtigen
Naturgefahren des Hochgebirges. Der Hochmut geiziger Bauern wurde oft als Ursache für vernichtende Gletschervorstöße
herangezogen. Steinschlag wurde von Gewitterhexen oder Berggeistern verursacht. Und für die Farbenpracht der Bergseen war
nicht das klare Wasser, sondern häufig Juwelen verantwortlich, die auf deren Grund liegen sollten. In vielen Sagen sind
aber auch die Härte und der Überlenbenskampf im Berggebiet zu spüren. Eigenartige Formen in der Natur werden
dabei oft zu Symbol und Mahnmal für menschenfreundliches Verhalten.
Die Nidlegret
In der Nähe von Andermatt liegt ein grosser weisser Steinblock in der Matte. Dort lebte einst in einem Haus ein altes Weib
mit einer einzigen Kuh. Sie wurde Nidelgret genannt, weil sie von dieser Kuh mehr Nidle hatte als von fünfzig der besten
Kühe im Sommer. Einmal beim Einnachten versteckte sich ein gwundriger Küher im Futterkasten. Er sah, wie die Alte
eine mächtige Gebse hinstellte, wunderliche Zeichen machte und murmelte: "Häxäguot und Sennäzoll, vo
jeder Chuo zwee Löffel voll." Da füllte sich die Gebse bis an den Rand mit dem schönsten Rahm.
Zu Hause versuchte es der Küher auch, aber zwei Löffel waren ihm zu wenig. So murmelte er: "Häxäguot
und Sennäzoll, vo jeder Chuo zwee Chübel voll."
Da floss der Rahm in solchen Strömen, dass der Küher elendiglich ertrank. Die schadenfreudige Nidelgret aber sass
auf ihrem Dach, lachte und schrie: "Dä tuots mer nimme na!" Da fegte eine dunkle Wolke mit einem sausenden
Sturmwind das Haus der Hexe und des Kühers weg. An dieser Stelle steht bis heute der weisse Steinblock und darin
eingeschlossen die Nidelgret und der habgierige Küher.
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