Der andere Durchblick auf Skitouren (Variantenwoche mit Sehbehinderten und Blinden)
Bergrestaurant Sunnbühl, eine Runde Skitouristen mit zufriedenen Gesichtern löscht den Durst. Die Blicke
schweifen zu den Spuren von heute, und die zaubern ein Lächeln hervor. Hinter uns liegt ein perfekter Tag im
Frühlingsschnee. Sonne, Sulz und Pulver: ein Geschenk! Heute war das untere Tatelishorn und ein Pulverschneehang
an der Altels unser Ziel.
Eine ganz normale Tourengruppe?
Eigentlich ja, nur mit dem kleinen Unterschied, dass einige der Teilnehmenden sehbehindert sind. Sie werden einzeln
und von speziell ausgebildeten Skilehrern betreut. Diese Woche, von der Blindenskischule Frutigen organisiert, begleite
ich als Bergführer. Elsbeth, eine sehr gute und erfahrene Skifahrerin, ist mit mir unterwegs. Ihre Selbstständigkeit
ermöglicht mir auch, meine anderen Aufgaben als Bergführer während der Tour wahrzunehmen.
Der Tag beginnt für mich um sechs Uhr, mit Kaffe trinken und Zeitung lesen. Rucksack packen und los geht’s,
bei der Bäckerei Haug vorbei Lunch einkaufen, damit niemand Hunger leiden

wird. Wir treffen uns im Hotel National
in Frutigen, fahren mit dem Auto nach Kandersteg und mit der Seilbahn hoch zum Sunnbühl, wo uns die ersten
Sonnenstrahlen begrüssen.
Eine kleine Abfahrt und wir können die Felle montieren. Wir helfen einander gegenseitig, dies ermöglicht
einen schnelleren Start, wie bei anderen Gruppen auch. Die Tourengruppe besteht aus acht Personen, perfekte
Verhältnisse an diesem Morgen, die gute Laune ist garantiert.

Nach der Ebene beginnt der Aufstieg, Licht und Schatten wechseln sich ab, eine Situation, an die sich unsere Augen rasch
gewöhnen, und unsere Körperkonturen werden eine wertvolle Hilfe für die anderen Augenpaare, die sich mit
diesen Lichtverhältnissen weniger gut zurechtfinden. Die Spur wird steiler und es ist angenehmer, mit den Steighilfen
der Bindung weiterzusteigen: Den Skistock in ein etwa 1 Zentimeter grosses Loch stecken und das Ding sitzt in der richtigen
Position. Einfach, wenn ich das glasklar sehe, sehr schwierig, wenn nicht. »Kann ich helfen?«. »Ja gerne«
ist die Antwort von Elsbeth. Wir steigen weiter der Sonne und der Pause entgegen.

Bis jetzt war der Aufstieg einfach, auch das nächste Stück ist noch flach, der Gipfelhang jedoch steiler. Ich stampfe die Spur, der Schnee ist ziemlich hart, Harscheisen? Es ist möglich ohne, gerade an der Grenze, ich entscheide mich für ein Nein. Elsbeth freut sich über diesen Entscheid nicht sonderlich, teilt mir dies jedoch nicht mit und kämpft ein wenig mit der Angst, selber Schuld!

Eine Spitzkehre für die nächste Traverse ist angesagt, etwas immer Schwieriges für alle. Nach der dritten mit
anschliessender Traverse sind wir oben. Panorama, Gratulation und Lunch. Während ich das Panorama erkläre nimmt
Elsbeth das Fernrohr, damit sie die Konturen der umliegenden Gipfel besser erkennen kann Für mich hat es eine besondere
Faszination, mit Menschen wie Elsbeth unterwegs zu sein; andere Sinne werden stärker und intensiver gefordert und Dinge,
die ich sonst nur unbewusst wahrnehme, nehme ich bewusst auf.
Vor uns liegt eine Abfahrt, die jedes Skifahrerherz höher schlagen lässt, wir können sie gemeinsam geniessen.
Elsbeth folgt in einem Abstand von rund fünf Metern meinen Spuren, genauer meinen Körperkonturen und der Stimme.
Sie ist eine sehr gute Skifahrerin und als Begleiter darf ich ruhig auch mal Gas geben, da sie fast immer in der Nähe
meiner Skienden ist.

Walter Moser ist mit Bernhard auf Tour. Bernhard ist Vollblind und hat das ABC des Skifahrens erst vor wenigen Jahren bei
Walter gelernt. Entsprechend gross ist das Vertrauen zwischen den beiden. In diesem Kurs macht Bernhard die ersten Schritte
als Tourenfahrer, auch hier ist aller Anfang schwer. Der Umgang mit dem LVS (Barryvox) ist lernbar, da es akustische Signale
sendet, allerdings braucht er auch hier einen Begleiter. Neben der Anstrengung für den Aufstieg muss er den Verlauf der
Aufstiegsspur aufnehmen, damit ihn Walter nicht ständig korrigieren muss. Dies verlangt von beiden grosse Aufmerksamkeit
während der ganzen Tour. Todernste Sache also? Nun, einer der beiden hat immer einen lockeren Spruch oder ein Witz auf
Lager, damit der Spass am ganzen nicht zu kurz kommt.
Ihr Ziel ist der Engstliggrat, eine kurze Skitour auf der Engstligenalp. Das Wetter ist prima, der Schnee an diesem Nachmittag
schon ein wenig feucht und schwer. Auf der Abfahrt werden die T-Shirts der beiden noch einmal nass, da es ziemlich anstrengend wird.
Bei der Abfahrt stellt man auch Unterschiede fest, grundsätzlich fährt der Blinde vorne und der Begleitende hinten.
Kommandos und Richtungsangaben werden durch Zurufen oder über Funk weitergegeben. Verwirrend für den Blinden ist es,
wenn die Schneeart wechselt, da nun der Widerstand grösser oder kleiner wird und der Uebergang immer ein wenig überrascht.
Heikle Passagen meistern die beiden, indem Walter mit einer Hand einen Stock von Bernhard fasst und ihm so eine Richtungsänderung
anzeigen kann. Lange Traversen fahren sie als Tandem, Walter fährt nun vorne, nimmt die Stöcke seines Partners und
führt ihn so weiter nach unten.
Für beide Pflicht ist das Après-Ski und das Erzählen der
vollbrachten Heldentaten am Ende eines Tourentages!